SCHILDHAUER - ein Leben für die MODELLBAHN

Aller Anfang ist schwer. Was mag ich wohl gedacht haben, als ich Ostern 1962 zwischen einem Berg Eisenbahnzubehör in meinem Kinderzimmer saß? Ich schau ja etwas hilflos, doch haben mich fortan weder andere Spielzeuge noch Kunst oder Sport derart in ihren Bann gezogen wie die Modelleisenbahn. Das Weihnachtsfest 1966 brachte dann System ins Spielzeug. Eine PIKO-Geschenkpackung mit einer BR 50 und diversem Zubehör und eine von meinem Vater, in großer Mühe geschaffene Modellbahnanlage in einem Klappbett, waren die Krönung aller meiner Wunschträume. Für meine Eltern war dies vielleicht auch manchmal der Anfang von Zweifeln. So z.B., wenn ich das neue Geschenk ,was einmal eine Lokomotive war, bereits am 1.Weihnachtstag stolz als „Bausatz“ präsentierte, oder wenn mein nächster Modellbahnwunsch so präzise war, dass sämtliche Verteilungsstrukturen des staatlichen Handels in der DDR vollständig, und der Einfallsreichtum meines väterlichen „Warenbeschaffers“ zum Glück nur fast versagten.
Ich baute nacheinander mehrere Modellbahnanlagen, die aber selten ganz fertig wurden, da meine Pläne ihnen vorauseilten, was meist zum Abriss und Neubeginn führte.
In den Siebzigern begann ich Lokomotiven und Gebäude selber zu bauen. Das lag nicht nur an der immer schlechter werdenden Versorgung im Handel nach 1972, sondern auch an den Ansprüchen die ich mir selbst stellte.
Die letzte Verstaatlichungswelle in der DDR überrollte 1972 auch die noch vorhandenen kleinen privaten Modellbahnbetriebe in der DDR. AUHAGEN, GÜTZOLD, HRUSKA, SCHICHT, ZEUKE und viele Andere wurden um ihre Selbständigkeit gebracht, und der staatlichen Planungs- und Verteilungswirtschaft untergeordnet. Damals blieb vielfach nicht nur die Kreativität auf der Strecke. Heute behaupten sich viele dieser Firmen wieder sehr erfolgreich am Markt.
Seit 1973 bin ich Mitglied im Greifswalder Modellbahnclub, und habe dort schon früh an vielen interessanten Projekten mitgearbeitet. Leider fehlt mir heute die Zeit zu einer aktiven Mitarbeit im nun schon 40-jährigen Verein, aber es kommt eine Zeit ...
Die Kreativität, diese bei Modelleisenbahnern immer vorhandene Eigenschaft, entwickelte sich im Rahmen des Deutschen Modelleisenbahnerverbandes der DDR (DMV) nicht nur innerhalb der Vereine in vielfältiger Weise. So entstanden im DMV auch verschiedenste Modellbahnkleinserien und eine eigene Verteilerstruktur um diese Waren an die Modellbahnvereine zu bringen. Im Rahmen des Bezirksvorstandes Greifswald des DMV habe ich daran, und auch an der Durchführung von Modellbahnwettbewerben aktiv mitgearbeitet.

Selbst nahm ich einige Male mit selbstgebauten Gebäuden am „Internationalen Modellbahnwettbewerb“ teil, und belegte vordere Plätze.
Aber irgendwie reichte mir diese Art der Beschäftigung mit der Modellbahn noch nicht aus. Es keimten erste Gedanken, eine eigene Firma zu gründen, was dann wesentlich länger dauerte als die zwischenzeitliche Gründung einer Familie.
20 Jahre sind ins Land gegangen, seit ich am 31. März 1988, als die Deutsche Demokratische Republik „noch sehr DDR“ war, meine „VERTRAGSWERKSTATT für Modelleisenbahnen und elektromechanische Spielwaren“ eröffnete.
Heutzutage geht man auf das Gewerbeamt, gibt seine Anmeldung ab, zahlt dafür einen Obolus und ist fortab ein „Selbständiger“. Etwas anders war das 1988 schon. Ob nun die DDR wirklich bürokratischer war, als das Land in dem wir jetzt leben, will ich nicht beurteilen. Ich bin damals von den örtlichen Organen und insbesondere vom Stadtrat für örtliche Versorgungswirtschaft in meiner Heimatstadt Greifswald, Herrn Eckhardt, sehr gut in meinem nicht alltäglichen Vorhaben unterstützt worden. Trotzdem hat es vom ersten Antrag bis zur Geschäftseröffnung fast 10 Jahre gedauert. Das lag wohl auch daran, dass ein solches Vorhaben keine private oder kommunale Angelegenheit alleine sein durfte. Der erste Versuch scheiterte 1978 als ich versuchte, eine nebenberufliche Gewerbegenehmigung zu bekommen. Es fehlte an einer Grundvoraussetzung, nämlich dem Berufsabschluss im Bereich Elektrotechnik. Das ließ sich lösen, wenn auch erst nach einigen Jahren. Mein zweiter Antrag wurde von der Stadt dann positiv beschieden, jedoch sollte ich Kundendienstverträge mit den betreffenden Herstellern vorweisen, und das dauerte... Und obwohl die Stadt genau wusste, dass der Reparaturbedarf vorhanden war, durfte ich dieses dem Bezirk (damals war der Bezirk Rostock zuständig) erneut beweisen. Die Bestätigung des Bedarfs durch die Stadt spielte in diesem Fall nur eine zweitrangige Rolle.
Sehr langsam kam alles in Bewegung. Viel Idealismus, ein Mini-Lädchen in einem historischen Giebelhaus mit hanseatischer und DDR-Geschichte, das Mobiliar einer alten Drogerie, und ein sehr alter, stabiler Schreibtisch von der Reichsbahndirektion, der noch heute zu meiner Ausstattung gehört, waren meine Grundausstattung, die zur “Geschäftseröffnung“ beitrugen.
Mehrere, vom Ministerium für Leichtindustrie Berlin dem Kombinat Spielwaren in Sonneberg "verordnete" Kundendienstverträge, waren der Erfolg, den die Mitarbeiter der Sendung PRISMA des DDR-Fernehens herbeiführten, und somit das offizielle Startsignal für meine Firma.
Schon konnte es losgehen mit der Selbständigkeit. Mein erstes Geschäft in der Steinbeckerstr. 27 in Greifswald hatte eine Größe von 26m² und keine Heizung. Zum Glück waren die Stromleitungen in dem Giebelhaus aus der Hansezeit neueren Ursprungs, so dass ich zwei Nachtspeicheröfen installieren lassen konnte. Diese waren ganz neu. Heute weiß ich nicht mehr, wie ich sie beschaffen konnte. Natürlich haben sie mit ihrem Gebläse viel Staub aufgewirbelt, aber bis in den frühen Nachmittag auch Wärme verbreitet. Und so begann ich mit der Reparatur von Modelleisenbahnen und diversen elektrischen Spielwaren. Der mir genehmigte „Stundensatz“, den ich den Kunden in Rechnung stellen durfte, betrug 6,75 Mark der DDR. Als kleines Zubrot durfte ich Artikel verkaufen, die in mein Sortiment passten und nicht vom Staatlichen Großhandel der DDR vertrieben wurden. So etwas gab es sogar. Zum Beispiel stellte die Firma Hoffmann in Halle (heute HOFFMANN-Antriebe) damals zweidimensionale H0-Figuren her und die Firma Weigel aus Leipzig das ehemalige DIETZEL-Sortiment. Und dann hatte ich ja noch Modellbahn-Ersatzteile, so genannte Bückware ! Beim Verkauf der Ersatzteile musste ich sehr aufpassen. Nicht, weil die Teile knapp waren, sondern weil ich nur einmal im Quartal Ersatzteile bestellen konnte. Hätte ich zuviel verkauft, fehlten mir wohlmöglich die Teile für Reparaturen.
Knapp 4000 reparierte Modellbahnlokomotiven, Trafos, Autos mit „Kabelfernsteuerung“ und elektrische Spielzeuge für die Puppenmutti wie z.B. die Kindernähmaschine „Gabriele“ waren im ersten Jahr zu bewältigen. Mehr war für mich als Einzelkämpfer nicht zu schaffen. Die Senkung der Reparaturzeiten von 9 Monaten (vor meiner Geschäftseröffnung) auf 1 Monat war das für die Kunden spürbare Ergebnis meines ersten Geschäftsjahres. Die meisten Reparaturaufträge wurden durch die örtlichen Dienstleistungskombinate in Greifswald und der Insel Rügen für mich angenommen. Die Greifswalder brachten mir monatlich einige Kisten mit Reparaturaufträgen, von Rügen holte ich einmal im Monat das ab, was mein Trabi Kombi nebst Anhänger so fassen konnte. Mein Geschäft hatte dienstags und donnerstags für die Annahme und den Verkauf geöffnet.
Auch heute, 20 Jahre später, sind der Dienstag und der Donnerstag wieder die Kernöffnungszeiten. Die anderen Tage werden jedoch nicht mehr mit Reparaturen gefüllt, sondern hauptsächlich mit dem Verkauf über das Internet und den dazu notwendigen Vorarbeiten , aber soweit sind wir noch gar nicht in der Geschichte meiner Firma. 
Wir schreiben das Jahr 1989. Es gab noch kein Internet, wie viele andere Dinge auch nicht. Diese Zeit brachte viel Neues, natürlich auch Gutes, aber niemand wollte mehr DDR-Spielzeug, geschweige denn dieses reparieren lassen. Nach anderthalb Jahren bedeutete das das Ende meiner „DDR-Vertragswerkstatt“. So entstand auf 26m² der erste private Modellbahnladen im damaligen Bezirk Rostock. Konnte das gutgehen?
Im Sommer 1988 lernte ich einen Rentner aus dem Ruhrgebiet kennen, der fortan seinen DM-Pflichtumtausch in DDR-Modellbahnersatzteile investierte und mich regelmäßig mit dem „Modellbahn-Magazin“ versorgte. Dank DMV-Tauschmarken ging dies sogar auf dem offiziellen Postweg. Kennen Sie diese Marken? Als Mitglied des DDR-Modellbahnverbandes (DMV) konnte man ein gewisses Kontingent an Modellbahnartikeln offiziell von Ost nach West und West nach Ost tauschen. Auch so etwas gab es in der DDR !!!
 
Ich war also seit 1988 bestens informiert, was der neue Markt uns dann ab 1990 bot. Und das auch ohne Westverwandtschaft und obwohl ich im Tal der Ahnungslosen (ohne West-Fernsehen)aufgewachsen bin. Schon vor der Währungsunion konnte ich Mengen an Häuser und und Autobausätzen von Kibri verkaufen. Es war eine spannende Zeit, auch wenn viele Leute in alles Andere als die Modellbahn investierten.
Der 26m²-Laden platzte bald aus allen Nähten. Mehr Platz und bessere Warenpräsentation wurden dringend notwendig. Es dauerte noch einmal 5 Jahre und was dann entstand, war sehr gründlich geplant. Schuhhagen 28/29 in Greifswald hieß ab Juni 1995 meine neue Geschäftsadresse. Knapp 100m² Verkaufsfläche waren schnell gefüllt.
 
Was für Viele als etwas riskantes Unternehmen erschien, hat sich tatsächlich gerechnet. Es hat mich und in den besten Zeiten noch 1,5 Verkäufer gut ernährt. Die Einführung des Euro erschien als Zwischentief im Umsatzhoch.
Vieles hat sich seit der Einführung des Euro geändert. Die Vermarktung über das Internet nahm in allen Branchen stark zu, die Preismaschine fing an, sich zu drehen. Das Interesse an der Modellbahn allgemein sank stark. Dies führte dazu, dass fast alle großen Modellbahnhersteller in Europa ins Straucheln kamen. Zuerst ARNOLD und TRIX, dann ROCO & die Märklin-Gruppe, LGB, LIMA, Rivarossi, Kibri und zuletzt FLEISCHMANN mussten durch neue Inhaber finanziell gestärkt werden. Es sah so aus, als ob sich auch für mein Geschäft das Ende näherte.
Ein erneuter Umzug in kleinere Räume in die Bachstraße folgte 2005. Die Verkleinerung der Ladenfläche und die Straffung des Sortimentes brachten keine wesentliche Verbesserung der allgemeinen Geschäftslage.
Heute, im 20. Jahr des Bestehens, begnüge ich mich mit 45 m² Geschäftsfläche in der Brüggstr. 38 und konzentriere mich auf ein straffes Kernsortiment zum Modellthema DDR. Schon in den Jahren 1990 – 2002 war dieser Bereich der Hauptschwerpunkt in meinem seit der Wende betriebenen Versandgeschäft. Eine aufwändig (noch ohne PC-Grafik) hergestellte Preisliste „DR“ wurde alljährlich einige Wochen nach der Nürnberger Spielwarenmesse in einigen hundert Exemplaren an Kunden verschickt. Ein Webshop wurde auf der von mir seit einigen Jahren betriebenen Homepage eingerichtet. Ohne Personal, mit möglichst wenig Kosten, aber nach 2 Jahren hat sich www.modellbahn-schildhauer.de am Markt etabliert. Es sind nicht tausende Artikel diverser Firmen, sondern die vielen kleinen Dinge, die es nicht überall gibt, die mein Geschäft heute ausmachen. Ein straffes Modellbahnsortiment in H0 und TT sowie eine große Auswahl an kleinen Dingen, die für das Modellbahn-oder Sammelthema DDR zur Verfügung stehen, werden von vielen Kunden nachgefragt und gern angenommen.
nenne ich mein Angebot jetzt. DDR-Modelle für jeden, den sie interessieren. Bückware: Erstens, weil Sie sich eventuell bücken müssen, wenn Sie mein Kellerlädchen betreten. Zweitens, müssen Sie sich bücken, um an die Ware der unteren Regalreihen zu gelangen, denn auch hier liegen interessante Artikel. Und zum Dritten Bückware, weil Sie hier Vieles erhalten, was Sie in manchem ganz "normalen Modellbahnladen" nicht finden werden.
Jan Schildhauer
Mein Dank an meine Frau Heike 
und meinen Schutzengel! |